Archiv für den Autor: Anna Opel

Der Druck ist hoch

In Chris Dercons künstlerischem Leitungsteam vertritt Kennedy als einzige das Sprechtheater, ihre erste Inszenierung an der Volksbühne wird mit Spannung erwartetet. Was die Regisseurin von ihrem Stück erzählt, klingt nach einem präzisen Bauplan für die Hölle des 21. Jahrhunderts. „Women in Trouble“ heißt das selbstgeschriebene Werk, in dem die krebskranke Schauspielerin Angelina Dreem einen Wunderland-Kosmos bewohnt: immer neue Türen öffnen sich zu immer neuen Realitäten, Fiktion und Wirklichkeit werden ununterscheidbar. Dreem hat Krebs und wird in einem hyperrealen Interieur (Bühne: Lena Newton) behandelt, das zwischen Klinik, Wellness und Nachwelt changiert. Unablässig stirbt sie und ersteht auf, ein alptraumhafter Zyklus ewiger Wiederkehr.
Zuletzt polarisierte Kennedy mit einer Adaption der „Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides an den Münchner Kammerspielen das Publikum. Die Inszenierung wird ab März an der Volksbühne gezeigt werden. Die Faszination für das Geheimnis des Todes hält in Kennedys Arbeit schon eine Weile an. Auch in „Orfeo – Eine Sterbeübung“ nach Monteverdi – als Koproduktion zwischen Ruhrfestspielen und Berliner Festspielen 2015 am Berliner Martin Gropius Bau gezeigt – erkundete sie die Übergangszone. Man hat es geahnt, auch in „Women in Trouble“ werden die Stimmen als Playback eingespielt, tragen die Schauspieler Silikonmasken.

Wir treffen uns in einem kleinen Büro in der Volksbühne. Die 40jährige ist seit mindestens 25 Jahren – gefühlt seit ewig – die erste Frau, die hier probt, auf der größten Sprechtheaterbühne der Stadt. Unter Castorf wär das nie passiert, da durften Frauen nämlich höchstens auf der Nebenbühne 3. Stock inszenieren.
„Wenn man einen bestimmten Platz erst einmal einnimmt, wächst man daran.“ In dieser Überzeugung unterstützt Kennedy die in Berlin neu gegründete feministische Initiative „Pro Quote Bühne“, in der Regisseurinnen Transparenz in der Vergabe von Budgets und gleichen Zugang zu begehrten Arbeits- und Leitungsfunktionen fordern.

Im Gespräch tritt Kennedy gelassen auf, sie wirkt unabhängig, frei. Die Besetzung der Volksbühne vor einigen Wochen fand sie aufregend, zumal ihre Proben kaum gestört wurden. Natürlich, Verunsicherung sei schon aufgekommen, angesichts der Querelen rund ums Haus, und die Zukunft bleibe offen, aber sie könne damit leben. „Der Druck ist hoch, aber ich habe keine Angst vor dieser Bühne“, sagt sie. „Im Gegenteil, ich habe große Lust, hier zu arbeiten.“
Das Unfertige scheint Kennedyihr entgegenzukommen. Auch, dass unter Dercons Leitung das Ensemble nach und nach entsteht, aus Arbeitsbeziehungen der beteiligten Künstler, entspricht ihren Bedürfnissen. „Das Kataloghafte eines Ensembles oder Spielplans ist eher nicht mein Ideal. Es ist doch interessant zu sehen, was passiert, wenn wir die Strukturen freier angehen“ sagt Kennedy. Keine Verpflichtung gegenüber Konventionen, keine dezidierte politische Haltung.

Seit drei Jahren lebt Kennedy jetzt in Berlin und weiß, dass Haltung in der Stadt als preußische Tugend gilt und eigentlich von jedem verlangt wird. Aber das sei nicht ihr Ding: „Aus meiner Sicht ist die Welt zu komplex für Haltungen, mit einer festen Haltung komme ich auch auf der Probe nicht weit.“

Wie hat sie es als junge Frau im Theaterpatriarchat so weit bringen können? Seit 2013 zwei Einladungen zum Theatertreffen und Berufung in die neue Volksbühnen-Leitung sind mehr als beachtlich. „Es geht darum“, antwortet Kennedy bestimmt, „die innere Stimme zu finden, die einen frei werden lässt, von dem, was andere sagen. Mich hat der unbedingte Antrieb, in der Kunst etwas Bestimmtes zeigen zu wollen, ab einem bestimmten Punkt getragen.“
Als Regisseurin ausgebildet an der Kunsthochschule Amsterdam, inszenierte Kennedy am damals konservativen Nationaltheater Den Haag. Sexismus sei ihr weniger begegnet, dafür wurde sie mit oft Ratschlägen selbsternannter Vaterfiguren bedacht. Hörte weg, schlüpfte in die Rolle der jungen Rebellin und preschte stur geradeaus. Mit dem Ziel, gesehen zu werden. „Geltungsbedürfnis war auch im Spiel“, sagt Kennedy lachend. An den Münchner Kammerspielen vertraute Johann Simons der Künstlerin 2013 für Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ die große Bühne an. Ein statisches Horrorszenario an der Grenze zur Installation, das sich einbrannte. Die Inszenierung wurde zum Theatertreffen eingeladen.

Ihr Vertrauen in die eigene Vision brachte Kennedy zuletzt den Europäischen Theaterpreis 2017 ein. Kennedy macht weiter ihr Ding, erschafft am Regiepult der Volksbühne einmal mehr das Todesareal einer sterbenden Frau. „Women in Trouble“ ist inspiriert vom Krebstod eines Freundes vor drei Jahren. Viele Fragen seien mit der Krankheit verbunden, nach Schuld, nach Selbstzerstörung. Aus Beipackzetteln von Medikamenten, TED-Talks über Krebs und Blogeinträgen hat Kennedy einen Text in englischer Sprache gebaut.
Kennedys Theater ist Installation. Auf spezifische Weise ist es gleichzeitig überaus körperlich, indem die Physis der Schauspieler unter den Masken vibriert und spricht. Wenn es um ihr Theaterideal geht, kommt Kennedy auf Tarkowskijs Film „Stalker“ zu sprechen. „Theater ist für mich idealerweise wie die Zone in diesem Film. Man wird entführt, darf sich etwas wünschen und in diesem Wünschen begegnet man sich selbst in ungeahnter Intensität. “

Heidi Klum frisst den Brexit

Die gestrickte Wollmütze mit seriellem Pinguinmotiv trug der deutsch-koreanische Dramatiker Bonn Park an allen vier Tagen des Stückewettbewerbs beim Theatertreffen. Fashionstatement oder eher Hinweis auf eine Kinderseele, gefangen im Körper eines Dreißigjährigen? Bonn Parks Sci-Fi-Tour-de-Force durch die Problemzonen des Weltgeschehens trägt den putzigen Titel Das Knurren der Milchstraße. Nach dem Marathon an szenischen Lesungen entschied der mehrfach ausgezeichnete Theaterautor den Wettbewerb für sich.

Kim Jong-un macht sich auf, die beiden Koreas wiederzuvereinigen, Ex-Präsident Trump hat die Schnauze voll von seinem Geld und die fette Heidi Klum frisst den Brexit auf und vertilgt, was sonst noch den Weltfrieden stören könnte.
Parks Figuren surfen als tragikomische Superhelden durch Zeit und Raum, reparieren die Weltpolitik, bis sie dem Autor gefällt. Mit diesem pseudonaiven Anarchogestus ist Bonn Park die Pippi Langstrumpf der deutschsprachigen Dramatik, dabei Generation Internet, bis obenhin voll mit Pop-Kultur und Schund und Informationen. Schreibend wird er vom Empfänger zum Sender, der es – auf seine Art- ernst meint.

Die weltumspannende Handlung entspricht dem in der Ausschreibung formulierten Anspruch, es sollten politische Realitäten verhandelt, Visionen einer anderen Zukunft gewagt werden. Dass dies im Medium der Sprache geschieht, ist im Umfeld sich weiter ausdifferenzierender Erzählformen im Theater bemerkenswert. Literarische Sprache, das wurde in diesem Wettbewerb nicht nur durch Bonn Parks Text deutlich, hat viele Mittel die Realität zu entgrenzen. Und ist darin dem Theater verwandt.

Zu einem utopischen Abschluss kam auch das einzige Projekt, das die Jury in diesem Jahr präsentierte: Who Cares?!- eine Personalversammlung der Sorgetragenden aus der Werkstatt des feministischen Kollektivs Swoosh Lieu. Das durchkomponierte Hörstück aus Interviews mit Frauen in Care-Berufen mündete in eine satirische Scie-Fi-Doku: Nach der großen Pflege-Revolution wollen alle Pfleger sein, denn die Arbeit ist gut bezahlt, alles supi, auch das Umfeld stimmt, denn neuerdings gehören die Häuser denen, die drin wohnen. Die Arbeit überzeugte mit einer Esprit und Tiefgang.

Petra Hůlovás essayartige Bestandsaufnahme der beklemmenden Situation tschechischer Intellektueller Zelle Nummer blieb trotz sprachlicher Qualitäten in der szenischen Lesung der deutschen Übersetzung unzugänglich, während We are the ones our parents warned us about von der der serbokroatischen Autorin Tanja mit einer traumartigen Dramaturgie fesselte: Zufallsbegegnung zweier Menschen auf einer öffentlichen Toilette irgendwo in Bosnien, im Tempo eines Stroboskopflackerns überblendet mit Erinnerungsschichten und Möglichkeitsräumen.
Vorsichtiger leuchtete Tine Rahel Völckers exemplarische Auseinandersetzung mit der Geschichte der polnischen Juden Adam und die Deutschen.

Das erste Theaterstück des Schriftstellers Reiner Merkel Lauf und bring uns dein nacktes Leben basiert auf Erfahrungen als Leiter eines Krankenhauses in Liberia. Merkel beschreibt den versteckten Rassismus der Helferindustrie. Bei aller Brisanz, erwies sich dieser Text ls nicht bühnentauglich.

Dem Anspruch der Jury, starke Texte zu präsentieren, die das Theater auf die eine oder andere Art herausfordern, ohne anschlussfähig an den Theaterbetrieb sein zu müssen, wurde der Jahrgang 2017 allemal gerecht. Gut zu wissen, dass Bonn Park mit Hilfe des eroberten Werkauftrags daran arbeiten wird, die kaputte Welt zu reparieren. Kaum etwas haben wir so nötig, wie Visionen.

Sonalis neue Welt

Seit zwei Jahren lebt das Mädchen aus Sri Lanka bei ihren Adoptiveltern in Berlin. Und fragt sich manchmal, wer sie zur Welt gebracht hat

Sonali steht am Zaun zum Schulgarten und beobachtet ihre Mitschüler. Die graben, Schippe in der Hand, gerade die schwere Erde um. Das Beet der Grundschule in Berlin-Mitte wird für die neue Gartensaison vorbereitet. Sonali schaut lieber zu. Sie ist eine genaue Beobachterin.

Das siebenjährige Mädchen lebt inzwischen seit mehr als zwei Jahren bei ihren Adoptiveltern in Berlin. Sie geht jetzt zur Schule, in die erste Klasse. Früher lebte Sonali in einer Gruppe von 30 bis 40 Kindern in einem katholischen Kinderheim in der sri-lankischen Hauptstadt Colombo. Es war ein schwieriger Start ins Leben, Sonali war eins von vielen Kindern, für eine individuelle Förderung fehlte den engagierten Ordensschwestern die Zeit. Anfang November 2014 traf Sonali zum ersten Mal ihre Adoptiveltern, ein Architektenpaar aus Berlin. Ein paar Wochen später flogen sie gemeinsam nach Deutschland. Als Familie.

Im Schulhof sieben die Kinder dunkle Brocken, ein Regenwurm bleibt hängen. Sonali legt ihn auf ihre Handfläche, er windet sich. Ihr Gesicht dicht über ds Tier haltend, betrachtet sie es, legt es auf den Boden, nimmt es wieder in die Hand. Gruppenerzieherin Susanne kommt hinzu und plötzlich sind aus einem Regenwurm zwei geworden. Aufgeregte Kinder scharen sich um Sonali und die Erzieherin. Was ist passiert? Alle rätseln, Regenwurmwissen wird zusammengetragen, ohne befriedigendes Ergebnis. Hat sich der Wurm geteilt?
Die Mädchen überreden Sonali den Wurm zurück in die aufgelockerte Erde zu legen. „Der Wurm hat ein Kind bekommen, weil Sonali sich so gut um ihn gekümmert hat“, erklärt ein Mädchen names Sophia. Fürsorge ist wichtig, das weiß Sonalis Freundin und achtet darauf, dass beide Würmer in denselben Erdhügel kommen. Sonali ist inzwischen ganz damit beschäftigt, ein Tierlexikon durchbzulättern, das die Erziehrin geholt hat, um des Wurmrätsel zu lösen.

Sonali sei ein Kind, das gut alleine zurechtkommt, erzählt Erzieherin Susanne später im Gruppenraum. Das Talent, ihre Energie zu kanalisieren und sich auf das Wesentliche zu fokussieren, auf das, was gerade passiert, sei bei ihr extrem ausgeprägt. Mehr als andere Kinder lebe Sonali im Augenblick, findet Susanne. Sie könne freudige Erlebnisse auffallend intensiv genießen. Umgekehrt sei zu beobachten, dass in ihrer Wahrnehmung einzelne Momente nebeneinander stünden, Kontinuität empfinde sie weniger stark als andere. Das betrifft auch Bindungen. Es sei zum Beispiel theoretisch vorstellbar, dass, würde Freundin Sophia ihr plötzlich aus dem Weg gehen, Sonali das für ein paar Tage gar nicht merken würde. Das habe mit ihrer Geschichte zu tun.

Jedes Kind da abzuholen, wo es gerade steht ist der Anspruch der Erziehrinnen in der Grundschule. „Im Kern geht es darum, dem einzelnen Kind zu helfen, autonom zu werden“, sagt Susanne.
Sonali lasse das Erzieher-Team immer wieder staunen. Mit welcher Intensität sich das Mädchen zum Beispiel gerade in die Beschäftigung mit dem Buch versenkt – wie sie daran riecht, es befühlt, den Wind im Gesicht wahrnimmt, wenn sie schnell blättert. Geradezu vorbildlich beziehe sie, aus eigenem Bedürfnis heraus, das Haptische in den Lernprozess ein.
Mit Erfolg: „Intellektuell stellt der Schulstoff kein Problem für Sonali dar“, sagt Susanne, „nur fällt es ihr dann und wann schwer, am Gruppengeschehen teilzunehmen.“ Gut möglich, dass der Schultag für sie extrem anstrengend ist, schließlich muss sie ihre Sehschwäche unentwegt kompensieren. Sonali hat wegen einer Netzhautablösung – Folge ihrer um mehreren Wochen zu frühen Geburt, nach der sie mit Sauerstoff versorgt werden musste – mehrere Augenoperationen hinter sich. Für die Pädagogen ist es, wenn sie nicht mitmacht, mitunter schwer zu erkennen ob Erschöpfung oder Lustlosigkeit im Spiel sind.

Insgesamt jedoch läuft es in der Schule gut. Besser, als alle Beteiligten es zu Beginn des Schuljahres erwartet hatten. Im Unterricht sitzt Sonali vorn an der Tafel, hat eine Lupe auf dem Tisch und die Schulhelferin, die sich zusätzlich um sie kümmert, oft in der Nähe. In großen oder kleinen Buchstaben kann Sonali ihren Namen und viele Wörter schon ohne Probleme schreiben, und das Lesen geht auch schon recht gut.

Sonalis Adoptiveltern, Juddith und Thomas Richter, erzählen beim Abendessen in der Wohnung, dass es sie immer wieder überrascht, mit viel Lebensfreude und zupackendem Einfallsreichtum, das Mädchen Herausforderungen angeht. Wie froh sie sind über die Wissbegierde, die freudige Energie, mit sie sich ihre Welt erschließt.
Auch jenseits des Schulalltags geht sie den Dingen auf den Grund. Sie schaut sich zum Beispiel ein Fahrrad sehr genau an, unterscheidet Kette, Pedale, Reflektoren und will wissen, wie das alles funktioniert. Und sie kann sich selbst helfen: Seit sie zur Schule geht, hat Sonali ihre Hände gewissermaßen zum Leben erweckt. Sie nennt sie Käfer und lässt sie miteinander sprechen. In Dialogen zwischen rechter und linker Hand verarbeitet das Kind Aufregung, Frust und Freude des Alltags. Die Hände wiederholen, was am Tag von den Spielkameraden gesagt wurde, Streitereien werden noch einmal durchgespielt.

Gerade krabbeln die Hände des siebenjährigen Mädchens am Glasrand des Aquariums entlang. Nachdem sie in den Winterferien Sophias Fische versorgen durfte, hat Sonali ein eigenes Aquarium bekommen. Gerade erst wurden die Fische eingesetzt. Seit einer Stunde sitzt Sonali nun schon andächtig vor dem mit grünen Wasserpflanzen und Steinen ausgestatteten Glaskasten. „Guck mal, wie schön die Fische sind“ ruft sie immer wieder und verfolgt den Schwarm Neonfische mit den Augen. Das Aquarium wird zumn Minikosmos im größeren Kosmos ihrer vertraut gewordenen Familie.

Ihr Kind, das damals, beim ersten Kennenlernen in Colombo, noch wild, anarchisch und sehr direkt in all seinen Impulsen war, sei immer deutlicher gezähmt durch die Erziehung, sagt Thomas Richter mit einem Hauch von Bedauern.
Was sie noch lernen muss, ist, klarer zwischen den verschiedenen Beziehungen zu verschiedenen Menschen zu unterscheiden. Sonali ist sehr kontaktfreudig und begegnet Menschen, die sie gerade erst kennen gelernt hat, manchmal ebenso vertraut wie solchen, die sie gut kennt.
Mit Spaß am Experiment wendet sie die Umgangsformen an, die die Eltern ihr nach und nach beibringen. Neuerdings stellt sie sich mit Namen und Alter vor, bevor sie ein Gespräch beginnt. Dass sie sich Namen und Gesichter schlecht merken kann, kann beim Gegenüber schon mal zu Irritationen führen, die Sonali durchaus bemerkt.

Als sie sich später am Abend in Judith Richters Armen kuschelt, will Sonali plötzlich wissen, woher ihr Name komme, ob sie ihn von der „Bauch-Mama“ habe. Seit sie von Judith Richter erfahren hat, dass ihre leibliche Mutter sie nach der Geburt nicht behalten konnte, beschäftigt Sonali das Schicksal ihrer „Bauch-Mama“ im fernen Sri Lanka immer wieder. Diskret umkreist das Mädchen die Geschichte ihrer Herkunft und Geburt im Gespräch mit den Eltern. Mit ihrer dunklen Haut und den tiefschwarzen Haaren sieht sie anders aus als ihre Eltern. Die Kinder in der Schule fragen, warum das so ist. Und so wird Sonalis Geschichte immer wieder Thema. Sie muss damit zurechtkommen, dass sie zwischen zwei Welten lebt: zwei Mütter hat sie und zwei Länder, mit denen sie verbunden ist.
Sri Lanka, das ist für Sonali inzwischen ein fast mystischer Ort, die andere, ferne Heimat, die zu ihr gehört, wie Berlin. Und manchmal, wenn sie nachmittags im Schulhort auf der Schaukel hin- und herschwingt, träumt sie sich dorthin.

Dusche statt Wanne

Den starken Auftakt bildet eine statische Einstellung. Darin ist mehr als vier Minuten lang nur das Profil der Hauptfigur zu sehen, die – sie hat sich offenbar verfahren – angespannt hinterm Steuer eines teuren Wagens sitzt, dessen Schalttechnik sie nicht beherrscht. Den Job als Fahrerin beim Film ist sie kurz darauf jedenfalls los.

Im selben Auto, einem Porsche, kehrt die junge Frau in ihre Heimatstadt Straßburg zurück. Bis auf die die Sorge um ihre kranke, störrische und heiß geliebte Großmutter Odette (die gerade verstorbene Claude Gensac in einer ihrer letzten Rollen) und das selbst gewählte Projekt, Omas Badewanne durch eine offene Dusche zu ersetzen, lässt Ana dort die Dinge laufen. Während die Großmutter im Krankenhaus behandelt wird, wohnt Ana in deren Wohnung. Die junge Frau unternimmt von da aus Besuche und Ausflüge in einen deutschen Baumarkt, wo sie den herrlich linkischen Grégoire (Lazare Gousseau) als Helfer für ihr Projekt gewinnt.

Umgeben von Leuten, die Pläne haben und wissen, was sie tun, gilt es für Ana, die Fragen der anderen auszuhalten. Regisseurin Rachel Lang setzt ihre Hauptfigur mit einer alerten, manchmal schwindelerregenden Offenheit und Ziellosigkeit in Szene, visuell gehalten von den strengen Linien der Hochhausfassaden im sozialen Wohnungsbau, der Draufsicht auf Spielplatzgewimmel mit blauem Pool von Omas Balkon und der klaren Ordnung einer gefliesten Wand. Architektur ist die im Film allgegenwärtige Metapher für die Ordnung, die in Anas Leben noch fehlt, ihr aber einstweilen einen Rahmen gibt.

Immer wieder unterbrochen vom tragikomischem Gemurkse an Omas vergilbten Fliesen, passiert das Leben in kleinen Einheiten: Ana isst Erbsen und Möhren mit Ketchup, überschreitet auf der Autobahn mit dem Radio die Höchstgeschwindigkeit um 50 Stundenkilometer und verliert ihren Führerschein, sie redet mit ihrem Kumpel Simon (Swann Arlaud), skypet mit einer Freundin und trifft auf einem Ausflugsdampfer den narzisstischen Künstler und Ex-Freund Boris (Olivier Chantreau) wieder, dessen toxischer Ausstrahlung sie zu verfallen droht.
Und immer wieder kommt Baden Baden auf die Fliesen zurück: Als Ana und Grégoire im Badezimmer nicht weiterkommen, steigt Ana kurzerhand in einer Schwimmbadbaustelle ein, und bequatscht Fliesenleger Amar so lange, bis er ihr seine Telefonnummer gibt.

Baden Baden (der unpassende deutsche Untertitel lautet „Glück aus dem Baumarkt“) ist ein poetischer, trotz der lebensmüden Oma, der sperrigen Badewanne und schmerzhafter Einsichten, tragikomischer Reigen an schrägen Bildern und Situationen, aus denen sich das Porträt einer schillernden Figur herausschält. Die filmische Konvention des Spannungsbogens wird ironisch in der Baustellenhandlung zitiert, aber nicht ernsthaft bedient. Rachel Langs Dramaturgie funktioniert anders, nämlich als diffizile Komposition ineinandergreifender Motive (Bäder, Häuser, Straßen), die überraschend gut trägt.

Bemerkenswert frisch ist auch das Genderregister im Film: Mit ihrer verstrubbelten Kurzhaarfrisur und den abgerissenen Klamotten wirkt Ana mädchenhaft und ist doch alles andere als ein Girlie. Wenn sie grölend mit Tempo 300 über die Autobahn rast und den Polizisten kleinlaut erklärt, das sei ihr halt passiert, ist das postfeminin. Die Staubmaske passt zu Ana wie das lange Abendkleid, das Freundin Mira (Jorijn Vriesendorp) ihr einmal leiht.
Rachel Lang hat als Protagonistin von Baden Baden die wunderbare Salomé Richard besetzt, die für die Rolle ihr Haar geschnitten und männliche Posen geübt hat. Sie darf mit leichter Hand alles sein: schwach und stark, komisch und ernst, zurückhaltend und draufgängerisch. Und es ist eine Freude, ihr dabei zuzusehen.

Alle Jahre wieder

Für Alleinerziehende sind die Festtage eine Herausforderung. Aber die Weihnachtsgeschichte lehrt: Nur Mut beim Improvisieren!

Die ganze Wahrheit über die heilige Familie? Sie ist heilig, aber nicht heil. Jedenfalls nicht im Sinne konservativer Familienpolitik. Das Jesuskind, die jungfräuliche Maria und Stiefvater Josef sind eine Patchworkfamilie. Unordentliche Familienverhältnisse begleiteten also die Geburt des abendländischen Prinzips Liebe. Dazu kam Improvisation: Jesus in der Krippe, keine Heizung, nur Stroh.

Ungeachtet dieser prekären Ausgangsszene bleibt in den Köpfen vieler Leute das Bild der Familie, die unterm Weihnachtsbaum feiert, einförmig: Vater, Mutter, Kind. Daran ändert auch die bunte Vielfalt gelebter Familienkonstellationen in Großstädten wie Berlin wenig. Wer nicht ins Schema passt, darf sich in Vorbereitung auf den Heiligen Abend etwas einfallen lassen. Was tun an einem symbolisch derart mit einem heilen Familienbild aufgeladenen Fest, wenn die eigene Lebenssituation vom Ideal abweicht, weil sie kleiner ist und zum Beispiel nur aus Mutter und Kind besteht, oder aus Vater und Kind? Diese Frage stellen sich viele. Denn: Jede fünfte Familie in Deutschland besteht aus Kindern, die mit nur einem Elternteil zusammenleben, in Berlin ist es sogar jede dritte.
Bernadette Conrad begann das Fest mit einem befreundeten Paar zu feiern, als ihre Tochter noch klein war und sie selbst vom Vater des Kindes schon getrennt lebte. Für alle sei es eine glückliche Fügung gewesen, sagt sie heute, da ihre Tochter fünfzehn Jahre alt ist. Sie hat ein Buch über das Alleinerziehen geschrieben mit dem Titel „Die kleinste Familie der Welt“. Das Kapitel „Wohin an Weihnachten?“ nimmt darin einen zentralen Platz ein.

„Familie ist da, wo man einander gut tut, wo man so zusammen sein kann, dass es allen Anwesenden gut geht“, sagt Bernadette Conrad, Reisejournalistin und Buchautorin, die vor einem Jahr mit der Tochter von Konstanz nach Berlin umzog. Sie plädiert dafür, sich die Freiheit zu nehmen, „die oft konservativ besetzten Räume so zu gestalten, wie es zu uns passt“. Alle Jahre wieder fahren die Autorin, ihre Tochter, und das befreundete kinderlose Paar seither in dieselbe Ferienwohnung. Sie verbringen die Tage miteinander als „Weihnachtsfamilie“ – inklusive der Stimmungshochs und -tiefs, die ein solches Fest in jeglicher Konstellation unweigerlich mit sich bringt. Auch in diesem Jahr wird es wieder so gemacht, nur hat Tochter Noemi sich diesmal eine Freundin aus der Schweiz dazu geladen. „Das System muss flexibel bleiben und mitwachsen,“ findet Bernadette Conrad.

Es sei erstaunlich, sagt die Autorin, wie sehr das Weihnachtsfest, das auf die unkonventionelle Geburtsstunde im Stall zurückgeht, heutzutage als unwandelbares Ritual im engen Kreis betrachtet wird. Andererseits, wer hätte noch nie unter den angeblich schönsten Stunden des Jahres gelitten? Überladene Tische, Geschenkeschlachten, Weihnachtsstress, blank liegende Nerven. Auch das gehört nicht selten zum jährlichen Brauch, und einige lassen es im Miteinander der Generationen mit knirschenden Zähnen über sich ergehen, „um des lieben Friedens willen“.
Wenn man an diesem Tag etwas anderes erleben möchte, dann muss man es gestalten. Das gilt für vollständige Familien mit Omas und Opas ebenso wie für Singles und für Alleinerziehende. Bernadette Conrad fragt sich, ob der größere Spielraum, den Alleinerziehende sich schaffen – weil sie die Situation freier gestalten müssen, aber eben auch können – nicht sogar als Chance, als Ausweg zu betrachten sei: Die kleinste Familie als Ideengeber zu einem kreativen Umgang mit erstarrten Ritualen.

In ihrem Buch gibt Conrad über das Thema Weihnachten hinaus Einblicke in das unauffällige Paralleluniversum der Alleinerziehenden. Neun von zehn dieser Spezies sind übrigens Mütter. Sie porträtiert acht Alleinerziehende aus der ganzen Welt und handelt die kritischen Themen ab: zum Beispiel das Streiten. Oder den komplizierten Fakt, dass die Kinder zwischen der Vater- und der Mutterwelt leben. Oder den Umstand, dass man einander nicht ausweichen kann, dass Kind und Elternteil aufeinander angewiesen sind, dass man nichts einfach mal an den Lebenspartner delegieren kann.

Bernadette Conrad und die Alleinerziehenden, von denen sie erzählt, haben sich ihre Welt so eingerichtet, dass ihr Leben erfüllt ist. Sie haben es zupackend in die Hand genommen, trotz der oft auftretenden finanziellen Engpässe. Da ist zum Beispiel Caroline, die nach traumatischen Anfangsjahren als Alleinerziehende mit ihren Zwillingen nach Skandinavien auswanderte, wo dank hervorragender Bedingungen was finanzielle Unterstützung, Urlaubsregeln für Eltern und Schulangebote für Kinder angeht, die Familie ein Umfeld fand, in dem sie endlich aufatmen und gut leben konnte. Die Autorin berichtet von sich selbst, wie sie zu Recherchereisen aufbrach und ihre Tochter bei Freunden gut versorgt wusste. Manchmal, wenn die Schulferien es zuließen, nahm sie ihr Kind mit in die Welt: Dann reisten sie als kompakte Kleinstgruppe, überstanden schreckliche Busfahrten, durchlebten Streits und Glücksmomente. Es sind berührende Entwicklungsgeschichten, die Mut und Lust machen, sich etwas vorzunehmen, sich das Leben schön zu machen, passende Lösungen zu finden. Nicht nur für Weihnachten, das Fest der Liebe.

Die Härten dieser Konstellation beschönigt sie nicht: Das viel beschriebene Armutsrisiko vieler Alleinerziehender zieht sich durch alle Bildungsschichten. Es ist von vielen Faktoren bedingt, auch von Gesetzen, die den Familienstand alleinerziehend zu wenig als schützenswerte Lebensform anerkennen. „Hier hängt die Gesetzeslage der gesellschaftlichen Realität weit hinterher“, sagt Conrad.
Steuerlich sind Alleinerziehende gegenüber vollständigen Familien massiv benachteiligt. Nicht zuletzt durch das Ehegattensplitting aus dem Jahr 1958, das statt Elternschaft die Institution Ehe steuerlich fördert, und – indem es Teilzeitarbeit von Frauen begünstigt – außerdem ein antiquiertes Familienmodell, das wiederum zu Altersarmut führen kann. Der Unterhalt wird in der Hälfte der Fälle nicht und in weiteren 25 Prozent der Fällen nur unregelmäßig gezahlt, zeigt eine Studie von 2016. Daher sind viele Alleinerziehende darauf angewiesen, dass der Staat mit dem Unterhaltsvorschuss einspringt, was derzeit lediglich bis zum 12. Geburtstag des Kindes der Fall ist.
Im November hat das Bundeskabinett immerhin beschlossen, ab 2017 den Unterhaltsvorschuss bis zur Volljährigkeit des Kindes zu zahlen. Gleichzeitig soll die bisherige Höchstbezugsdauer von 72 Monaten aufgehoben werden. Hier und da also, tut sich etwas, sagt Bernadette Conrad. Alleinerziehende sind auf dem Weg, auch familienpolitisch gleichgestellt zu werden.

Doch auch wenn das irgendwann erreicht ist, werden sie Erfinder bleiben, die sich aus zu eng gewordenen Mustern lösen. Und die improvisieren können. Die Weihnachtsszene im Stall erzählt uns, dass es im Leben genau darauf ankommt. Und natürlich auf die Liebe.

In der Toilette brennt noch Licht

Das Berliner Theatertreffen beweist wieder Eigenwilligkeit im Umgang mit aktuellen Fragen

Gleich zwei selbstbewusste Aktualisierungen der Stücke des Bürgertums-Propheten Henrik Ibsen sind in diesem Jahr nach Berlin eingeladen: Der Züricher Volksfeind von Stefan Pucher spielt in einer nahen Zukunft, in der ein E-Government regiert und eine echte Begegnung zwischen Menschen fast subversive Züge trägt. Der Wiener John Gabriel Borkmann von Simon Stone schickt einen nach Börsenkrach und Gefängnisstrafe verkrachten Antihelden durch den Schnee.
In der Abteilung abstrakte Kunst stehen sich mit Herbert Fritschs knallbunter Konrad Bayer-Revue der die mannund Ersan Mondtags Familienhölle Tyrannis zwei Extreme gegenüber.
Ersan Mondtag, 1987 als Sohn türkischer Eltern in Berlin-Neukölln geboren, Kollektivgründer, Mitglied des Regiestudios am Schauspiel Frankfurt und Regisseur am Thalia Theater Hamburg, ist der Newcomer des Jahres. Tyrannis, nach eigener Idee am Staatstheater Kassel realisiert, provoziert mit der düsteren, extrem verlangsamten Performance eines videoüberwachten Familienpuppenhauses.

Tiefenbohrung in Karlsruhe

Wie auf Schienen bewegen sich die Figuren. Die Frauen tragen das Teppichmuster im Kostüm; welche Gewalt aus der Abschottung entsteht, ist nur zu ahnen. Sie bricht sich putzig Bahn beim rhythmischen Gemüsehacken. Die Schauspieler spielen mit auf die Lider aufgemalten Augen (blind!), Käuzchenrufe aus dem Birkenwald, blendendes Licht aus der Toilette, Musik und Sound ersetzen den Dialog. Irgendwann steht eine Fremde vor der Tür und fordert Einlass. Zusammenbruch und allmähliche Neuordnung der Gemeinschaft folgen. Christoph Mahrtaler, Vegard Vinge, Frank Castorf, Katie Mitchell und Susanne Kennedy stehen Pate, wenn der Regisseur nicht ohne Witz alles streicht, was als dramatisch gilt.

Arriving Cities lautet in diesem Jahr der Schwerpunkt. Während in Karin Beiers Hamburger Inszenierung Schiff der Träume die Konfrontation moralisch desorientierter Wohlstandsbürger mit Flüchtlingen und deren „echten Problemen“ mangels Haltung enttäuscht, gelingt es Yael Ronens Ensemble am Maxim Gorki Theater in The Situation mit verblüffender Leichtigkeit, Vorurteilen mit konkreten Biographien zu begegnen. Dass ausgerechnet der Lehrer im Neuköllner Deutschkurs am Ende ein Musterbeispiel an Integration sein soll, schwere Kindheit im Gepäck, erinnert leider an die übereifrige Pointe der Kult-Inszenierung Verrücktes Blut von Jens Hilije und Nurkan Erpulat, mit der Shermin Langhoffs Konzept des postmigrantischen Theaters vor wenigen Jahren den Siegeszug antrat. Schöner vorläufiger Höhepunkt des Treffens, das am 22. Mai zu Ende geht: Als Intendanten des Gorki-Theaters erhielten Langhoff und Hillje den Theaterpreis Berlin.

Noch eine Einladungen ragte heraus, die des Dokumentartheatermachers Hans-Werner Kroesinger, der in Karlsruhe mit Staatstheater Stolpersteine NS-Geschichte vor Ort aufgearbeitet hat. In Briefwechseln und Dokumenten werden die Wege der im Zuge der Gleichschaltung entlassenen Künstler lebendig. Kultur, das wird hier konkret, ist immer auch Aktionsfeld und Instrument der politischen Klasse. Kroesinger gelingt ein unsentimentaler, höchst eindringlicher und komplex gewebter Theaterabend, eine Tiefenbohrung, die die Spuren der Geschichte bis in die Gegenwart hinein verfolgt.

Die Sehnsüchtige

Der biblische Hiob ist ein Versuchskaninchen. Auf seinem Rücken tragen Satan und Gott ihren Machtkampf aus. An ihm testen sie aus, wie viel Leid ein Mensch verträgt, bis er sich von Gott abwendet. Der jüdische Schriftsteller Joseph Roth hat die Krise des Hiob, in seinem Roman eines einfachen Mannes, erschienen 1930, in seine Gegenwart geholt. Roths Hiob ist der jüdisch-orthodoxer Dorflehrer, der um 1900 mit seiner Frau Deborah und zwei Kindern aus einem russischen Schtetl nach Amerika auswandert. Ein krankes Kind lässt er zurück. In Amerika kommt die Familie zu Wohlstand. Doch dann folgt ein Schicksalsschlag dem anderen.

Mit einer Bühnenfassung des Stoffes gibt die junge Regisseurin Anne Lenk, Jahrgang 1978, seit 2007 Berlinerin, am Deutschen Theater ihr Berlin-Debüt. Nach dem Studium scheute sie davor zurück, sich an ein Haus fest zu binden, erzählt Lenk beim Espresso. Erst mal schauen, wie es so läuft.
Nach Abschluss des Studiums an der Otto-Falckenberg Schule in München wählte sie Berlin als Wohnort, pendelte aber zum Inszenieren ans Theater Augsburg, ans Hamburger Thalia Theater und ans Münchner Residenztheater. Mit „Phosphorus“ von Nis-Momme Stockmann war im Jahr 2014 bei den Autorentheatertagen erstmals eine ihrer Inszenierungen in Berlin zu Gast – am Deutschen Theater.

Anne Lenk, deren Sohn dieses Jahr eingeschult wird, nennt einige Gründe, warum es toll sei, jetzt am DT zu arbeiten: Ihre besondere Bindung stamme aus der Zeit, als David Rott, Schauspieler und enger Freund, unter Dimiter Gotscheff am Haus arbeitete – das war zwischen 2001 bis 2003. Viele persönliche Handschriften habe man damals und seither am Deutschen Theater erlebt. Dafür steht diese Bühne für sie nach wie vor.
Der Zugriff auf Stoffe geht bei Anne Lenk zuerst über die Sprache. Von der poetischen Kraft des Hiob hat sie sich berühren lassen. Anne Lenk erzählt, wie sie den Roman während einer Probenphase in Augsburg in einer einzigen Nacht durchlas, wie auch sie die Sehnsucht nach dem abwesenden Kind empfand, die Mendel Singer in New York quält. Lenk ist beeindruckt, wie mühelos der Schriftsteller auch sprachlich den Bogen spannt zwischen der Banalität eines einfachen Lebens und dessen biblischen Dimensionen -den Fragen nach Glaube, Liebe und Hoffnung: „So vieles steckt in dieser Geschichte: Sie ist Familiengeschichte, Geschichte eines radikalen Systemwechsels, Schilderung einer schweren Krise.“

In ihrer Inszenierung will sich Anne Lenk darauf konzentrieren, die Motive zu verdichten und die Gegensätze atmosphärisch erfahrbar zu machen: hier die Enge und Verlässlichkeit in der Welt des Schtetl; dort die Freiheit der neuen Welt. „Was passiert, wenn eine Welt ins Rutschen gerät, an die man geglaubt hat, und man keinen Anschluss mehr findet? Das ist für mich das zeitlose Thema, und da erkenne ich mich in Mendel Singer wieder“, sagt die Regisseurin.

„Wo liegt die Grenze unserer Humanität?“

Der Theatermacher Milo Rau über sein neues Recherche-Projekt „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ zum westlichen Blick auf globale Schrecken und das fragwürdige Verhältnis zwischen Helfern und Opfern

Herr Rau, Sie stellen in Ihrer Inszenierung unsere Empathie mit verschiedenen
Krisengebieten in Bezug und sprechen von einem „zynischen Humanismus“ in Europa.
Inwiefern konkurriert das Leid im kongolesischen Bürgerkrieg mit dem Leid der
Flüchtlinge, die auf der Mittelmeerroute nach Europa kommen?

Das ist keine Frage der Konkurrenz. Im Stück geht es mir darum, die Zusammenhänge
zwischen globalisierter Wirtschaft, den Migrationsströmen und unserer Mitleidindustrie in den Blick zu bekommen. Die Frage ist: Wo liegt die Grenze unserer Humanität? Das Leid im Nahen Osten nehmen wir wahr, seit die Flüchtlinge in der Festung Europa angekommen sind. Die Gewalt und die Toten in Zentralafrika jedoch sehen wir nicht.

Sie haben in beiden Gebieten recherchiert. Was konnten Sie feststellen?

Beruhigend war, dass – im Vergleich zur katastrophalen Situation im Ost-Kongo – die
Flüchtlingsroute aus dem Nahen Osten relativ gut organisiert ist. Der extreme Einsatz der freiwilligen Helfer hat mich tief beeindruckt. Im Kongo dagegen sind die Widersprüche zwischen Entwicklungshilfe und realer Ausbeutung kaum auszuhalten. Was ich in Zentralafrika in den letzten zehn Jahren erlebt habe, hat dazu geführt, dass ich meine Rolle als Künstler begonnen habe zu befragen. Was heißt es, reales Elend auf der Bühne noch einmal zu verwerten? Was heißt Mitleid, als ästhetischer, humaner und politischer Akt?

Was wäre denn eine angemessene Reaktion auf das Leid, das wir nicht sehen?

Eben nicht Charity, sondern wahre Solidarität und Gerechtigkeit – wie wir es mit dem „Kongo Tribunal“ versucht haben …

… Ihrer Inszenierung eines Volksprozesses gegen internationale Minenfirmen im
kongolesischen Bürgerkriegsgebiet.

Was im Endeffekt natürlich hieße, dieses komplette kapitalistische System abzuschaffen.

Wie interagieren Ihre beiden Protagonistinnen, der Schweizer Theaterstar Ursina Lardi und die schwarze Schauspielerin Consolate Sipérius auf der Bühne?

Die burundisch-belgische Schauspielerin Sipérius übernimmt Prolog und Epilog, dazwischen steht der von Lardi gespielte Monolog einer fiktiven westlichen NGO-Mitarbeiterin. Diese dreiteilige Struktur erzählt, auf durchaus rassistische Weise, vom scheiternden Dialog zwischen Opfern und Helfern – und der unheilvollen Dialektik ihrer Beziehung zueinander.

MoaBits – Neues vom dreckigen Nabel der Republik

Hallo, Welt.

So lange, bis du es verstanden hast, oder bis mir die Argumente ausgehen, werde ich dir hier, genau an dieser Stelle, erklären, warum Moabit – die Insel im Herzen der Hauptstadt – der dreckige Nabel der Republik ist. Vielleicht ja auch nur der Nabel meiner Welt. Ich werde Nabelschau betreiben. Und mich auf der Insel umsehen.
Oder du, Welt, schaffst es eben, mich vom Gegenteil zu überzeugen.

Das wird schwer.
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