„Was ist eigentlich ein Anfang?“

Gerader Gang, unprätentiös und schlicht. Die Schauspielerin Kathrin Angerer trägt eine quadratische Waschschüssel am Rundhorizont der großen Bühne der Volksbühne entlang, lässt sich dann für ein Fußbad auf einen Campingstuhl am linken Rand nieder. Im Hintergrund ein zarter, orangeleuchtender Vorhang, das titelgebende Element der Eröffnungsproduktion „Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen“. Im ersten Bild der neuen Ära kehrt Angerer ohne Hektik, ohne Drama, sondern nachdenklich auf diese Bühne zurück. Genau hier fand das Maßstäbe-setzende Castorf-Theater statt: Künstlerisches Ringen um Utopie, sich mit Stücken und Stoffen der Weltliteratur in den krisenhaften Zustand der Gesellschaft hineinspielen. Das Leiden der Ausgestoßenen, der Spieler und Verrückten erfahrbar machen. Diese Kunst war mal schmutzig, mal leise, mal dröhnend, immer kritisch. Schweißtreibend und erschöpfend für beide Seiten: Spielerinnen und Publikum

Die Ära

In den 25 Jahren jener Ära hat die Schauspielerin Kathrin Angerer ihre Vielseitigkeit, ihren Stil, ihre Persönlichkeit in unzähligen Produktionen immer neu zur Verfügung gestellt. Mir ihrer charakteristischen Stimme, ihrer leicht artifiziellen Artikulation, ihrer leisen Komik. „Endstation Amerika“, „Dämonen“, „Nach Moskau!“, „Erniedrigte und Beleidigte“. Als Polina fährt sie Alexej (Alexander Scheer) im „Spieler“ freundlich über den Mund. Im tunnelartigen Verschlag gibt sie in „Brüdern Karamasow“ 2015 die Gruschenka als bipolare Person im Hemdchen: einsam, verloren. Angerer reift zur künstlerischen Persönlichkeit heran mit Beharrungsvermögen und überraschender Wandelbarkeit. Mit einem Hang zum leisen Zweifel in Stimme, Physis und Ausdruck. Im Superheldinnenkostüm reflektiert Angerer in der ersten gemeinsamen Arbeit mit dem Regisseur René Pollesch im Jahr 2017 „Service / No Service“ über Gott und die Welt, Liebe und ihre Abwesenheit. Angerer, die bis dahin in vor allem Ensemblespielerin gewesen ist, wird da von Publikum und Kritik noch einmal entdeckt.

Ankommen

Schmal und wach sitzt sie mir gegenüber in einem Lokal in Berlin-Mitte. Statt Kaffee gibt es grünen Tee. Kathrin Angerer erzählt, wie sie Schauspielerin wurde. 1970 geboren, in Ost-Berlin aufgewachsen, sind ihre Optionen dank mittelprächtigem Schulabschluss übersichtlich. Wenn sie die Enge und Ödnis nicht aushielt, habe sie sich während der Ausbildung zur Sekretärin vorgestellt, sie sei Amerikanerin, die sich aus purer Neugierde das Leben in der DDR ansieht. Abreise -wenigstens in Gedanken- jederzeit möglich. Der innere Abstand machte den Unterschied. Eine andere überlebenswichtige Strategie war die Persiflage: Wenn sie nach anstrengenden Tagen aus dem Büro zu ihrer Mutter und deren Mann, dem marxistischen Intellektuellen Wolfgang Harich, nach Hause kam, spielte sie die kruden Figuren nach, mit denen sie sich herumgeschlagen musste. Angerers komisches Talent wurde offensichtlich.

Schauspiel war ein Weg, den Zumutungen des Lebens zu begegnen. Mutter und Stiefvater bestärkten sie an sich zu glauben, halfen Absagen von Schauspielschulen zu verkraften. Nach einjähriger Intensivausbildung bei einem Berliner Theaterverein gelangte Angerer im Jahr 1993 durch Empfehlung der Schauspielerin Annett Kruschke in Castorfs Produktion „Die Frau vom Meer“. Nach der Premiere unterschreib sie an der Volksbühne. Auf einmal fügte sich alles, erzählt Angerer. „Ich passte an den Ort und zu den Kollegen. Jeder war auf seine Art besonders. Alle hatten ungerade Wege zurückgelegt, ähnliche Herkünfte. Und einmal angekommen, ließ man sich gegenseitig sein, wie man eben war.“

Castorf

Mit Sophie Rois, Silvia Rieger und Astrid Meyerfeldt kamen bald weitere Protagonistinnen dazu. Angerers Offenheit, ihr Spielwitz, die Fähigkeit, sich mit ihrer Anmut, ihrer Emotionalität, ihrer Persönlichkeit in Spielsituationen zu begeben, traf auf den formensprengenden Regisseur Frank Castorf. Und auf die Schönheit und Protzigkeit, die Bert Neumanns Bühnenbilder und Kostüme ausmachten. „Es ging eigentlich immer darum, dass wir gemeinsam Fantasien zu literarischem Material entwickeln, dass wir Szenen sinnlich erfahrbar machen. Um Kopf und Bauch.“ An Castorf schätzt Kathrin Angerer bis heute, dass er für beides einen Sinn hat: „Das gibt es in der Verbindung sehr selten.“

Ihr inhaltliches Spielverständnis hatte Angerer von Anfang an im Gepäck: Über das hinausgehen, was ist. Aus der inhaltlichen Arbeit heraus agieren. Auf der Bühne nie etwas sagen, was sie nicht meint. Erst in der letzten fulminanten Spielzeit jener Ära begriff das Publikum vollständig, wie singulär die künstlerische Konstellation an diesem Ort gewesen war.

Herantasten

Und jetzt ist da ein Berg Geschichte. Am ersten Abend der neuen Intendanz trifft sie auf Gegenwart und Zukunft. Genau davon handelt „Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen“. Neben Angerer spielen die Volksbühnenveteranen Martin Wuttke, Margarita Breitkreiz und Susanne Bredehöft. Bühnenbild und Kostüme stammen von Leonard Neumann, Sohn des 2015 überraschend verstorbenen Chefästheten. Zu sehen gibt es Minusdramatik, Kunststücke und Vorhangpoesie. Ohne Aufhebens trägt Angerer ein weißes Kaninchen von der Bühne, lässt bunte Bänder tanzen, sinniert über den Unterschied zwischen jung und alt. Erzählt die Anekdote vom Grobian, der eines Tages vollkommen unverhofft auf dem Schulhof Mehl auf den Boden rieseln ließ. „Warum beschäftigt sich die Schönheit überhaupt mit uns?“ Die Dramatik steckt zwischen den Zeilen, im Ungesagten, in den offensichtlicheren Bezügen (Zirkus) und den Andeutungen (Tolstoi). Die erste Premiere ist ein melancholisches Herantasten an das, was war und das, was sein könnte.

„Da war die Intuition, dass man sich in einem Raum bewegt, der besetzt ist von starker Vergangenheit, an der man selbst beteiligt war und den man gleichzeitig wieder neu betrachtet hat.“ Als René Pollesch 2019 sagte, er habe sich beworben, als er anfragte, ob sie bereit sei, seine Intendanz mitzutragen, nicht nur als Schauspielerin, freute sie sich. Dem hohen Erwartungsdruck der Öffentlichkeit begegnete das Team, indem es sich auf das besann, was da war: Die besondere Bühne, die Geschichte, das Projekt der geteilten Verantwortung. „Die große Frage ist, was ist eigentlich ein Anfang?“ sagt Angerer.

Drehen

In den Jahren seit dem Ende der alten Volksbühne hat Kathrin Angerer frei gearbeitet. Zuletzt hat sie vermehrt Film- und Fernsehrollen angenommen. Die Arbeit vor der Kamera ist in mancher Hinsicht sehr anders, und das interessiert sie gerade sehr. Für Dominik Grafs „Der rote Kakadu“, für Dresens „Gundermann“ und auch für den „Tatort“ agierte sie schon vor der Kamera. Vom Drehen und dem Spaß daran handelt auch „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“, eine fröhliche, fulminante Show mit Tanzfilmelementen, die als Koproduktion zwischen den Wiener Festwochen und der Volksbühne im vergangenen Sommer entstanden ist. Mit weiblichem Tanzensemble und einer wie ein Revolvermagazin rotierenden Guckkastenbühne. Mit einer Showtreppe, von der Angerer als Hollywood-Diva herabsteigt, als habe sie nie etwas anderes getan.

Intendanz

Von ihrer Rolle unter der neuen Intendanz erzählt sie mit entspannter Beiläufigkeit. Verantwortung für Personalentscheidungen, für den Spielplan wird geteilt. Angerer findet das wohltuend, es ist nicht zuletzt ein Echo der künstlerischen Arbeitsweise. Der Regisseur und Theaterleiter René Pollesch nimmt seine Spielerinnen auf eine Weise wahr, die sie so nicht gekannt hat. Ohne die Brille der heterosexuellen Erzählung. Erholsam! Die Idee vom Kunst-Berserker lebt vielerorts fort. Aber Angerer glaubt an das Projekt Freundlichkeit, das man sich als Leitungsteam vorgenommen hat. Geht das auch? Oder fehlt bei zu viel Harmonie die Reibung, die vielleicht nötig ist, um die großen Fragen zu formulieren? „Vielleicht ist es ein Wagnis, gemeinsam zu entscheiden und das Haus zu leiten. Die Verantwortung nicht auf eine Person abzuwälzen ist eine Chance – auch für andere gesellschaftliche Strukturen. Ich würde mir wünschen das zu schaffen: Unser gegenseitiges Einvernehmen zu halten, das Vertrauen als Aufgabe.“