Von jetzt an kein Zurück

Disziplinierung junger Rebellen

missy-01-2015„Beiß in den Apfel Schneewittchen, oder willst du ewig mit den Zwergen leben?“ schreibt Martin (Anton Spieker), der für Rimbaud schwärmt, seiner Freundin Rosemarie, die sich Ruby nennt (Viktoria Schulz). Die Enge und katholische Biederkeit der hessischen Provinz im Jahr 1968 ist Bedrohung und Provokation für die sinnesfrohen, klugen Jugendlichen. Intellekt und Liebe erwachen, Haare wachsen, jede Anpassung wäre Verrat – am Leben, an der Kunst, an der Liebe. Also kehren Ruby und Martin Eltern und Schule den Rücken und brausen auf einer geliehenen weißen Vespa mit wehendem Haar Richtung Offenbach davon. Ein kostbarer Moment der Freiheit, bald schon teuer bezahlt. Ruby und Martin werden aufgegriffen und mit Zustimmung der Eltern von der Fürsorge ins Heim gesteckt.

Von da an werden ihre Leidenswege parallel erzählt: im katholischen Mädchenheim versucht Ruby Jesus zu verstehen. Engelsgleich singt sie das Ava Maria und die Oberin sendet wohlgefällige Blicke. Martin versucht im berüchtigten Erziehungsheim Freistatt sein Selbstbild zu retten. Raum für Hoffnung gibt es nicht. Stattdessen werden alle Ideale, wird die Liebe zum Leben gründlich ausgemerzt.

„Von jetzt an kein Zurück“ ist ein atmosphärisch starker, gut recherchierter Schwarz-Weiß-Streifen des österreichischen Regisseurs Christian Frosch. Es gelingt ihm sparsam und trotzdem wirkungsvoll all die Einflüsse aufzufächern, unter denen Martin und Ruby erwachsen werden: Verknöcherter Katholizismus, schwache Mütter, Kriegstraumata der Väter, rebellische Rockmusik, Drogenexperimente, beginnende Studentenbewegung, Rimbauds Gedichte. Mit hohem Anspruch erzählt Frosch von der Dialektik zwischen Freiheitsdrang und staatlicher Repression. „Gewalt ist das einzige Mittel, das in einem gewalttätigen Umfeld funktioniert“, wird Martin am Ende zur Liebe seines Lebens sagen. Ruby, die sich nun wieder Rosemarie nennt, ist desillusioniert und alkoholabhängig. Sie singt Schlager und das Leben geht irgendwie weiter.

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