Es ist elitär, aber

Halbzeitbilanz des Berliner Theatertreffens 2015

freitag 20/2015Beim Überleben hilfreich ist bekanntlich die Fähigkeit zur Anpassung an Umwelteinflüsse. Während des diesjährigen Theatertreffens lässt sich die Anpassungsleistung des archaischen Mediums bestaunen und überhaupt eine Bereitschaft zur Selbsthinterfragung. Etwa beim Stückemarkt, der Autorentalentschmiede des Treffens. Wer sind wir und was tun wir hier eigentlich?, fragten die Macher des Talking Straight Festival. In einer drolligen Kunstsprache spielte der Performer Daniel Cremer mit seinen sprachbegabten Mitstreitern vom Grußwort über dasPublikumsgespräch bis zur Preisübergabe Rituale eines handelsüblichen Festivalbetriebs durch. Seine siebenstündige Performance brachte Cremer dann den Preis der Autoren des Festivals ein.
Die Leitung des Stückemarkts experimentiert schon seit einer Weile an ihrem Vorhaben, der Ausdifferenzierung dessen Rechnung zu tragen, was Autorschaft heute und in Zukunft ist. Sie forderte in diesem Jahr dazu auf, neben fertig geschriebenen Stücken auch Projekte und Konzepte einzureichen.
Dass Theatermacher ihren institutionellen Habitus mit Humor hinterfragen, ist eine gute Nachricht. Ebenso erfreulich ist, dass im Reigen der zehn, wie es in der Ausschreibung heißt, „bemerkenswertesten“ Inszenierungen, die in diesem Jahr der Fangemeinde präsentiert werden, ein breites Spektrum an Formaten vertreten ist. In der Konsequenz, mit der sie ihre Mittel ausschöpfen, sind diese Inszenierungen tatsächlich bemerkenswert.
So zeigte Theatertreffen-Dauergast Nicolas Stehmann unter Einbeziehung von Elfriede Jelineks Text „Die Schutzbefohlenen“ kantiges Diskurstheater, das sich mit der Situation der Flüchtlinge in unserem Land ebenso auseinandersetzt wie mit der Frage, ob es überhaupt angemessen ist, die Realität und die Schicksale dieser Menschen künstlerisch auszuwerten: echte Menschen auf der Bühne, die von ihrer Flucht erzählen, aber auch unbequem werden und den schönen Kunstbetrieb stören. Ein umstrittenes Projekt. Yael Ronens „Common Ground“, am Berliner Maxim-Gorki-Theater gemeinsam mit migrantischen Schauspielern als Autoren erarbeitet, ist eine temporeiche Geschichtslektion in Sachen Balkankrieg. Die Arbeit überzeugt vor allem dramaturgisch. Über einzelne vertrackt miteinander verbundene Biografien wird man in eine unübersichtliche politische Situation eingeführt und dann mitgenommen auf Erkundungsreise zu einem ehemaligen Kriegsschauplatz.

Treppauf, treppab

Dass Theater neben dem zupackenden Zugriff auf die Wirklichkeit, auch ein Medium ist, um andere Welten zu erfinden, ist beim Theatertreffen ebenfalls zu erleben. Jenseits von Realismus und Anspruch auf Authentizität operierte die sinnlich versponnene Hörversion von Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“ aus der Werkstatt des Schweizer Regisseurs Thom Luz. Luz schafft eine klingende, fast mystische Gegenwelt, die in einem alten Treppenhaus auch räumlich Abgeschiedenheit inszenierte. Auf drei Etagen hörte man Streichmusik und Schnipsel von Inselabenteuern, von Eisblöcken tropfte Schmelzwasser auf Trommeln, und Schauspieler und Musiker eilten treppauf, treppab.
In ästhetischer Hinsicht extrem war auch Susanne Kennedys Adaption von Fassbinders „Warum läuft Herr R. Amok?“ Während Rainer Werner Fassbinder in seinem Film aus dem Jahr 1970 die gesellschaftlichen Zwänge eines Angestellten eher beiläufig protokolliert, schuf Kennedy an den Münchner Kammerspielen eine ins künstliche zugespitzte Bürgerhölle, um die Unfreiheit der Figuren herauszustellen. In einem komplett mit Holz ausgekleideten, zellenartigen Raum drapiert sie ihre leblosen Spieler zu Tableaus. Silikonmasken auf den Gesichtern, bewegen sie ihre Lippen zu einem aus dem Off eingespielten Text. Der Schrecken über die Zugerichtetheit dieser Menschen blieb an der Oberfläche.
Kennedys Inszenierung und Fassbinders 70. Geburtstag waren der Anlass, im Rahmen des Festivals über die Fassbinder-Renaissance auf deutschen Bühnen nachzudenken. Von RWF lernen, heißt, den eigenen Arbeitskontext zu thematisieren – so lautete die Quintessenz einer Diskussion mit Kennedy und Kollegen. Theaterleute unterliegen dem Diktat der Handlungsökonomie, ob und wie kann Kunst also freier sein, als die Gesellschaft, aus der heraus sie produziert wird? Geht es mit Fassbinder nicht vielmehr darum, auch die eigene Verstrickheit in die gesellschaftlichen Prinzipien zu befragen? Auch in diesen Diskussionen wurde etwas von der Reflexionskraft des Mediums spürbar.
Am Abend des Fassbinder-Symposiums dann übernahm die leibhaftige Hanna Schygulla den Staffelstab und überließ sich auf der Bühne den Wonnen einer anekdotischen Zeitreise, während derer sie die Umrisse eines lebensgroßen Porträts ihres früheren Weggefährten mit schwarz-rot-goldener Fingerfarbe zärtlich nachzeichnete. Peinlich oder grandios? Irgendwie beides. Egal, das Theater lebt und mit und von ihm das Theatertreffen. Ja, es ist ritualisiert, aber es bleibt ein wichtiges Forum der produktiven Selbstbefragung.