Politisches Déja-Vu der Kulturszene – Die Queere Bühne, Mai 2026
Für zu viele Menschen scheint die vorgebliche Stärke autoritärer Staatenlenker und populistischer Politiker:innen geradezu attraktiv. Im Aufwind der Rechten ist nun, was bis zur Zeit der Corona-Krise an Verbesserungen für Minderheiten erreicht wurde, akut in Gefahr, wieder abgeräumt zu werden. Das Phänomen nennt sich Backlash und zeigt sich in Form von Kürzungen im Kulturetat, von Eingriffen in Räume, die zuvor frei bespielt wurden und in Debatten zur Nützlichkeit und Effizienz von Theaterkunst. Die Kulturszene ist von Sorgen erfüllt. Besonders alarmiert zeigt sich die queere Community, denn sie ist mit ihren Genderdiskursen die Lieblingszielscheibe der Konservativen und Rechten.
In der Kultur-Szene erkennen derzeit viele Akteur:innen Parallelen zur gesellschaftlichen Melange vor hundert Jahren, wie etwa blühende Vielfalt und sexuelle Freiheit im Berliner Nachtleben, während die nationalsozialistische Bewegung ihren Siegeszug beginnt. „Auch die Idee, Kultur habe eine bestimmte Funktion zu erfüllen, die nun wieder verbreitet wird, ist aus meiner Sicht Teil des reaktionären Narrativs“, sagt Kay Matter. „Mich beschäftigt gerade privat und beruflich die offensichtliche Parallele zwischen den 1920er Jahren und der Gegenwart“, sagt Kay Matter. Mit „Autostrada Supertrans Uno“ (UA unter dem Titel „Stützliwösch Supertrans Uno“) hat Matter einen dreiteilige Road-Trip für das Schauspielhaus Zürich geschrieben. In eher leichtem Ton erzählt das Stück von einem Vater-Sohn-Verhältnis – der eine in Transition, der andere alternd. Beide hadern mit ihrem Körper, ihrer Männlichkeit.
Matter hat 2024 in seinem genreübergreifenden Prosatext „Muskeln aus Plastik“ (Uraufführung 2025 am Theater Münster) mit autobiografischem Material, offen, präzise und sprachlich erfinderisch über Transition, Queerness und chronische Krankheit geschrieben. Er weiß, wovon er spricht. Diese Themen und den autobiografischen Anteil so offen zu legen, sei durchaus auch riskant. Er erwähnt zudem einen politischen Diskurs darüber, ob die Behörden trans Personen künftig listen dürfen. Eine bürokratische Maßnahme, die Generalverdacht und Kriminalisierung schon bedrohlich nahelegt. „Es gibt eine große Kluft zwischen den eher progressiven Räumen im Kulturbetrieb, einem relativ weit fortgeschrittenen Allgemeinwissen, und der Realpolitik, die sich aktuell rasant davon wegbewegt. Der queeren Community wird ja von Konservativen unterstellt, sie verfolge eine propagandistische Agenda. Das ist Quatsch. Wir wollen in Ruhe gelassen werden. Die Ideologie liegt auf der anderen Seite.“ Matter beobachtet, wie die Faschisierung auch in die Sprache sickert. Bestes Arbeitsmaterial für Dramatiker: „Über das Spannungsverhältnis zwischen Queerness und Faschismus möchte ich jetzt etwas schreiben.“
Derweil sind auf Berliner Bühnen diverse Auseinandersetzungen mit den künstlerischen Archiven der Geschichte zu erleben. Constanza Macras schickt ihr Ensemble Dorky Park in der jüngsten Produktion „Goodbye Berlin“an der Volksbühne in die Figurenkonstellationen von Christopher Isherwoods halbautobiografischem Berlinroman aus dem Jahr 1939, ein Dokument über die Stimmung in der Weimarer Republik, wachsende rechtsextreme Kräfte im Parlament. Macras ruft unterschiedlichstes Bildmaterial auf, von Leni Riefenstahl bis zum avantgardistischen Vermächtnis der Grotesktänzerin Valeska Gert. Es ist ein breites Assoziationstableau, ein exaltierter Totentanz auf dem Vulkan, während die rechten Kräfte ihre Truppen schon zusammenziehen.
Ungefähr zeitgleich präsentierte das Maxim-Gorki-Theater die neue Arbeit von Autorin Lola Arias, die sich ebenfalls auf die 1920er Jahre bezieht, und zwar auf das tänzerische Vermächtnis skandalisierter und später kriminalisierter Künstlerinnen. Die argentinische Regisseurin und Autorin Lola Arias und die Performerin River Roux nehmen sich in „Androgynous. Portrait of a Naked Dancer“ am Maxim-Gorki-Theater die Biografie der deutschen Tänzerin und Schauspielerin Anita Berber vor, eine Ikone der Berliner 1920er Jahre. „Meine Arbeit dreht sich grundsätzlich darum, Archive der Vergangenheit zum Leben zu erwecken, sie durch Reenactment zu vergegenwärtigen“, sagt Lola Arias, „denn wir tragen all diese physischen Erfahrungen in uns.“
River Roux und zwei weitere Performer:innen, die ihre Bühnenkarrieren im Rotlicht-Milieu begannen, begeben sich am Gorki mitten hinein ins Archiv ihrer Vorgängerinnen. Am Anfang steht die Material-Recherche. Mit eigenen biografischen Fragmenten und der Verkörperung dessen, was an Spuren noch zu finden ist, schreiben sich die Akteurinnen auf der Bühne in das Erbe ein. Flankiert von den Erzählungen der Darsteller Bishop Black und Dieter Rita Scholl verwandelt sich Roux vor den Augen des Publikums in Anita Berber, überblendet die eigene Performance mit deren tänzerischem Nachlass und stellt die Verbindung her: „Anita Berber lived in times of uncertainty, just before the rise of the Nazi-regime. I live in times of uncertainty, just before… I don’t know what.” Ikonisches fotografisches Material von Anita Berber wird auf die Bühne projiziert, Roux rekonstruiert ihre Posen, den Kokainentzug der schon verfemten und totkranken Künstlerin. Die Show erinnert in diesem Moment an eine rituelle Geisterbeschwörung, ist auch Empowerment, künstlerische Andacht.
„Mit ihrer Nacktheit und Ambiguität fordern diese Körper die Gesellschaft auf vielfältige Weise heraus,“ sagt Arias. „Sie repräsentieren die Möglichkeit der Verwandlung, die schließlich nicht nur die queere Community betrifft. Sie ist vielmehr universell und spricht zu allen Menschen.“ Faszination und Provokation, begleitet von Austausch. Wie sollen wir von ihrem geschlechtlich mehrdeutigen Körper sprechen? Diese Frage adressiert River Roux ans Publikum und sie ist, ebenso wie die ganze Bühnenerzählung, ein Angebot zum Dialog, ein Brückenschlag. „Dieter Rita Scholl, der die doppelte geschlechtliche Identität in seinen Namen integriert hat, erzählt, wie ein Zuschauer ihn vor Jahren nach einer Show durch die Stadt verfolgt, ihn angeschrien habe: „Bist du ein Mann oder eine Frau?“ In „Androgynous“ wird diese Frage obsolet. In ihrer Verletzlichkeit und Schönheit laden die Körper der Performer:innen ein zuzuschauen, sich in ihnen und ihren Suchen nach ihrer persönlichen physischen Wahrheit wiederzuerkennen. Fragen statt wissen, Transformation statt Härte, Durchlässigkeit statt Durchgreifen: nichts brauchen wir aktuell dringender, als die Utopie, die aus der Vieldeutigkeit der queeren Performance spricht.