Sonali und das Wunder des Lebens

Vor dem Fenster ist es dunkel an diesem Oktoberabend in Berlin-Tiergarten. Nach dem Abendessen am runden Familientisch ziehen wir Frauen uns in Sonalis Kinderzimmer zurück. Sonalis aktuelle Themen seien vielleicht besser so zu besprechen, hat Judith Richter gesagt. Nun stellt sie eine kleine Leselampe auf den Teppichboden und wir liegen als Dreigestirn um ihren Schein. Betrachten die Lieblingsdinge der 11-Jährigen: Ein rechteckiges Kissen aus bedrucktem Stoff. Das hat sie von der Mutter einer Freundin bekommen, der Name des Kindes ist auf ein rotes Stoffrechteck gestickt. Sie drückt das weiche Ding an sich, schiebt es sich unter den Pulli, holt es hervor, schaut es genau an. „Ich liiiiebe dieses Kissen“ juchzt Sonali leise und kichert. Ihr Talent, sich mit allen Sinnen in die Betrachtung geliebter Dinge zu versenken, fokussiert sie. Es hat damit zu tun, Halt zu finden, sich vergewissern in einer vertrauten Kontur. Die Konzentration, die dabei entsteht, ist ansteckend. Wir drei, Mutter, Kind und ich, die Besucherin, betrachten dieselben Dinge und kommen uns näher. Der Raum öffnet sich und wir können reden.Sonali zeigt die Bilder, die sie in den letzten Tagen gemalt hat. Es geht um Genetik und wie Leben überhaupt entsteht. Eine große pinkfarbene Eizelle prangt in einer Ecke des DIN-A4 Blattes, umschwärmt von unzähligen kugelschreiberblauen Spermien. Auf einem anderen Bild richten sich hunderte Spermien an vier schwarzen Eizellen aus. Sonali hilft mir, ihre Zeichnungen zu fotografieren. Dazu nimmt sie mein Telefon, stellt scharf und drückt auf den Auslöser. Mit Tablet und Smart-Phone kennt sie sich bestens aus. Solche Hilfsmittel helfen dem sehbehinderten Mädchen dort, wo sie Dinge nicht so gut erkennen kann. Während sie fotografiert, holt Judith ein kleines von Sonali gebasteltes Buch.Das Wunder des Lebens auf wenigen gezeichneten Miniaturseiten: In einem Herz, durch das statt eines Pfeils ein rosa Buntstift geht, liegen ein Mann und eine Frau nebeneinander. Auf dem nächsten Bild hat ein heldenhaftes Spermium eine Eizelle erobert. Und schon geht es auf der nächsten Seite mit der Zellteilung los. Sonali hat das erste Wachstumsstadium des Zellhaufens als mathematische Zahlenreihe notiert: 1,2, 4, 8, 16,32, 64. Es folgt eine Liste der Hormone, die bei einer Geburt ausgeschüttet werden. Endorphine, Adrenalin.Sonali ist inzwischen fast so groß wie Judith. Ihr Körper ist weiblicher geworden. Sie ist in der Pubertät. Wie Leben entsteht, das hat nun auch ganz konkret mit ihrem Körper zu tun. Ein bisschen peinlich ist das alles schon. Die vertraute Situation lässt zu, dass ich alles fragen kann. Auch, warum Sonali ihre Adoptiveltern neuerdings beim Vornamen nennt. Judith nickt zu meiner Frage und berichtet. Das Mädchen habe ihnen im Sommer eröffnet, sie wolle sie ab jetzt mit Vornamen ansprechen. „Ich war erst ziemlich getroffen und habe heftig geweint.“ Da war die Sorge, das Kind würde sich abgrenzen wollen, die Beziehung könne distanzierter werden. Sonali ging es wohl eher darum, die Verhältnisse „richtig“ zu benennen. Judiths Angst war jedenfalls unbegründet. „Das Gegenteil ist der Fall. Gott sei Dank“, erzählt Judith Richter.Sonali hört zu, sie lächelt verlegen, legt den Kopf auf das kleine Kissen. Dann und wann gibt sie kleine Freudenlaute von sich. Ich staune, wie frei Judith und Sonali diese Angelegenheit in meiner Anwesenheit besprechen. Offenbar wissen sie, dass sie einander vertrauen können. Solche Korrekturen ohne Angst vornehmen zu können, wie gut das ist. Sonali hat sich verändert. So auch die Qualität unseres Gesprächs. Ihr ungestümes Wesen ist zurückhaltender geworden. Später erfahre ich, dass auch eine Portion Verunsicherung im Spiel ist. Sie neige dazu, dunklere Gedanken eher zu verbergen, sagt mir Thomas Richter.Die ersten Lebensjahre hat das Mädchen in einem christlichen Kinderheim in Colombo verbracht. Ihre leiblichen Eltern sind unbekannt und sie ist infolge ihrer Frühgeburt sehbehindert, hätte in ihrer Heimat keine neue Familie gefunden. Die Richters wiederum waren bis dato kinderlos und hätten, weil sie damals schon älter als 40 waren, im Inland nicht adoptieren dürfen. Die Adoption war ein Abenteuer, ein Wagnis, das sich von Anfang für alle Beteiligten gut anfühlte. Freudig gingen sie aufeinander zu. Das lebhafte und fantasiebegabte Kind und seine glücklichen, unternehmungslustigen Eltern. Alles passte wunderbar.Als wir ein paar Tage nach meinem Besuch zu zweit durch den Berliner Zoo laufen, den stattlichen Amur-Tiger bewundern, der im Freilandgehege seine immergleichen Runden zieht, bittet Sonali mich um mein Telefon, zoomt das Bild heran, betrachtet so die massige Raubkatze, fotografiert sie. Als mit dem Tiger der Höhepunkt unseres Zoobesuchs hinter uns liegt, kehrt Sonali unvermittelt zum Thema Geburt zurück. Warum dabei eigentlich „Endorphine“ ausgeschüttet werden und ob es in Ordnung sei, wenn sie mich das frage? „Vielleicht damit die Mutter die Schmerzen vergisst?“Da ist es wieder: das fesselnde Thema Ursprung des Lebens und Geburt. Sonalis schmale Finger liegen in meiner großen Hand. „Wie fühlt es sich an, wenn das Baby geboren wird?“ fragt sie leise, schaut mich an und ich erzähle, wie die Wehen dem Ungeborenen helfen, den Weg durch den Geburtskanal zu finden. „Was ist eine Wehe?“ will sie wissen und „Wofür braucht das Baby eigentlich die Nabelschnur“? Immer wieder sucht sie das Gespräch über diese Vorgänge, testet so ihr Detailwissen. Kann sich nicht satthören daran. Wie immer ist ihr Interesse konkret und beinahe wissenschaftlich.Auf dem Weg zu ihrer Wohnung bleiben wir einmal stehen. Indem ich meine beiden Handflächen gegeneinanderpresse, zeige ich Sonali wie die Plazenta an der Innenwand der Gebärmutter haftet und sich erst löst, wenn das Kind geboren ist.Alterstypisch beschäftigt Sonali gerade auch ein Mädchenzwist. Von einer früheren Freundin hat sie sich zurückgezogen, weil diese „zickig“ war, wie sie sagt. Nun ist sie in der Schule manchmal allein und sucht im Gespräch mit mir und mit anderen nach Lösungen für dieses Problem. Judith Richter hatte mir schon berichtet, dass Sonalis Sehbehinderung ihr im Kontakt mit den anderen Kindern in bestimmten Situationen im Weg steht. Spielfreunde und -freundinnen erkennt sie oft erst, wenn sie direkt vor ihr stehen. Die Kinder verstehen das manchmal nicht und sind genervt. Sonali, die früher so unbeschwert und manchmal polterig war, sorgt sich jetzt oft, etwas falsch zu machen. Was den Unterricht angeht, läuft es aber nach wie vor gut. Von der Schule hat sie inzwischen ein Tablet bekommen, kann im Unterricht die Tafelbilder abfotografieren und heranzoomen. Eine Riesenerleichterung.Ein eigenes Tablet hat Sonali auch zu Hause. Darauf ist das Bilderarchiv ihres Lebens gespeichert. Nach unserer Ankunft in der Wohnung will sie mir das neuste Kapitel präsentieren. Es sind Kinderbilder und Minifilme, die ich noch nicht gesehen habe. Eine kleine Sensation, denn sie stammen aus der Zeit, als ihre Adoptiveltern sie noch gar nicht kannten. Bei einem Treffen des Vereins „Eltern für Kinder“ sind diese neuen Puzzlestücke aus Sonalis Geschichte aufgetaucht: die Familie war aus dem Häuschen vor Freude, denn die Suche nach der Vorgeschichte des Kindes begleitet sie von Anfang an.Für Sonali wie für uns alle handelt diese Suche von der existentiellen Frage, die sich im Verlauf eines Lebens immer wieder neu und immer anders stellt: „Wer bin ich?“ Ob Sonali sich an ihre Zeit im Kinderheim in Colombo selbst erinnert, oder sich Fotos und Erinnerungen inzwischen überlagert haben, frage ich sie. Sonali denkt einen Moment nach, ein kleines Lächeln wandert über ihr Gesicht. „Keine Ahnung“ lacht sie leise und seufzt. „Ich weiß es doch auch nicht.“Ihr Lieblingsfilm zeigt Sonali als Vierjährige im bunten Kleid, viel zu große Hausschuhe an den Füßen. Sie spricht singalesisch, summt ein Lied und greift beherzt nach der Kamera. Heute, sieben Jahre später sieht Sonali sich diese Szene immer wieder an, hält den Film mit dem rechten Zeigefinger an und spult noch mal zurück an die immer gleiche Stelle. Ihr Lieblingsmoment. Nur ein paar Sekunden bruchstückhafte Erinnerung an sich selbst zu einer anderen Zeit.