Den Wind spüren

Berliner Zeitung, Dezember 2023 – Neunter Teil der Adoptionsgeschichte

Es ist kalt und feucht an diesem Samstagvormittag im Spätherbst, immerhin regnet es nicht. Zum Absegeln, dem letzten Termin der Saison, fahren Thomas Richter, Sonali und ich im Auto gemeinsam zum Nordufer des Tegeler Sees. Ein letztes Mal will die Gruppe des Segelprojektes für sehbehinderte und blinde Kinder und Jugendliche heute aufs Wasser, bevor die Wintersaison eingeläutet wird. In den wärmeren Monaten des Jahres treffen sich die Ehrenamtlichen alle zwei Wochen mit ihren Schützlingen auf dem Vereinsgelände. Eltern werden hier nicht gebraucht.

Stephan Kuperion, ein großer Mann mit weißblondem Schopf, hauptberuflich als Jugendrichter tätig, ist der Motor des Vereins. Er ist auch Vorsitzender des Bundes zur Förderung Sehbehinderter, ein Macher, einer, der andere überzeugen kann. Während er Seile und Schwimmwesten aus den Schränken im Erdgeschoss des Vereinsgebäudes holt, erklärt er mir das Konzept. Inklusion sei gut und richtig, sagt Kuperion, es müsse jedoch auch Räume geben, in denen Sehbehinderte unter sich sein könnten. „Für die Kinder ist es wichtig, sich mit anderen, die ähnliche Erfahrungen machen, über ihre Situation austauschen zu können.“  Das erklärte Ziel für jeden und jede hier ist es, alleine ein Boot segeln zu können. Den Wind zu spüren, ein Boot selbst zu steuern, helfe den Jugendlichen enorm, das Selbstbewusstsein zu entwickeln, das sie brauchen, um sich mit Behinderung im Leben zu behaupten.

Als das Projekt im Jahr 1977 an einer Schule im Wedding gegründet wurde, war Kuperion dort Schüler. Sehbehinderte an den Segelsport heranzuführen bleibt eine außergewöhnliche Sache, Gratwanderung zwischen Fordern und Überfordern. Alle hier sind angetrieben von der Überzeugung, den Kindern etwas Wesentliches mitgeben zu können: die Erfahrung, etwas zu schaffen, was andere ihnen nicht zutrauen, dabei Spaß zu haben. Sonali ist seit dem Frühjahr dabei. Bald wird sie vierzehn Jahre alt, seit neun Jahren lebt sie in Berlin. Heute friert sie und ist, bis sie Handschuhe bekommt, ein bisschen mürrisch.

Die ersten Lebensjahre hat das Mädchen in einem christlichen Kinderheim in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas verbracht. Ihre leiblichen Eltern sind unbekannt, ihre Sehbehinderung resultiert daraus, dass sie zu früh geboren wurde. In ihrer Heimat hätte sie wohl keine neue Familie gefunden. Die Richters wiederum waren bis dato kinderlos und hätten, weil sie damals schon über 40 Jahre alt waren, in Deutschland nicht adoptieren dürfen. Die Adoption im Jahr 2014 war ein Abenteuer, ein Wagnis, das sich von Anfang für alle Beteiligten gut anfühlte. Freudig gingen sie aufeinander zu. Das lebhafte und phantasiebegabte Kind und seine unternehmungslustigen Eltern. Alles passte wunderbar. Sonali ist inzwischen sehr viel ruhiger geworden, das Ungestüme ihrer Persönlichkeit ist einer zurückhaltenden Offenheit gewichen. In der Segelgruppe ist Sonali Teil einer Gemeinschaft, in der Sehbehinderung nicht Ausnahme, sondern Normalität ist und das wirkt entspannend auf alle Beteiligten.

Während auf dem Nachbargrundstück die Boote abgeslippt werden, machen auf unserer Seite des Zauns die Kinder unter Anleitung der Segellehrer ihre Boote fertig. Ein beherzter Schritt vom Steg auf das schaukelnde Gefährt und dann balancieren die jungen Wassersportler gekonnt, fummeln mit klammen Fingern die Abdeckungen von den Booten. Vor- und Großsegel werden vorbereitet, die Schoten angebaut. Eine Dreiviertelstunde vergeht, bis wir ablegen können. Ein engagiertes Team Ehrenamtlicher begleitet die Kinder und Jugendlichen bei ihren Segelaktivitäten, fährt bei Bedarf mit Motorbooten nebenher. Aufgeteilt auf zwei Boote gleiten wir aus dem Hafen. Auf der Randmeerjolle sind wir heute zu sechst: die Segellehrerinnen Monika Kuperion, Inga Volkens, Sonali, zwei andere junge Segler und ich. Der See ist glatt, die Sonne kämpft sich durch die Wolkendecke und das Licht bekommt einen rosigen Schimmer. Beinahe geräuschlos zieht der Wind das Boot nach vorn. Nur leises Gluckern ist an der Bordwand zu hören.

Sonali darf an die Pinne, die Lehrerin drückt ihr auch die Großschot in die Hand. Damit ist sie Kapitänin, kontrolliert den Kurs und die Segelstellung. Für die Peilung zeigt ihr Monika Kuperion einen markanten Punkt am Horizont, empfiehlt, das Großsegel etwas dichter zu holen. Sonali sagt nicht viel, der Wind weht schwach, das Segelerlebnis ist heute entspannt. Wenn die anderen Witze reißen, lächelt sie verschmitzt. Die Stimmung ist gut und wird noch besser, je wärmer es wird. Unterwegs übt Inga Volkens mit der Crew Segelvokabeln, die jede Seglerin beherrschen muss: Luv und Lee, Steuerbord und Backbord, Knoten werden reihum geknotet und so vergeht die Zeit. Verhaltenes Triumphgeheul, als wir das Nachbarboot überholen.

In diesem Jahr sind in Sonalis Alltag viele Dinge neu. Sie besucht nun auch eine neue Regelschule. In der kleinen Klasse sind alle freundlich, den neuen Schulweg nach Mitte legt sie mit der U-Bahn allein zurück. Als wir uns ein paar Tage später in der elterlichen Wohnung treffen, ist Sonali ziemlich aufgeregt. Im geschützten Raum ihres Zimmers will sie mir erzählen, was sie neu über sich herausgefunden hat. Zusammen mit Sonalis Adoptivmutter Judith Richter sitzen wir unter dem Hochbett. Und nun ist ein wenig Starthilfe nötig. Judith Richter ist aktuell die Person, mit der Sonali ausgiebig ihre wichtigen Dinge bespricht. Es geht um bestimmte ungewöhnliche Wahrnehmungen. Gemeinsam erforschen Judith und Sonali, ob das, was das Kind wahrnimmt, mit dem Phänomen der Synästhesie, also der farblichen Wahrnehmung von Ziffern, zu tun haben könnte. Synästhesie hat viele unterschiedliche Typen. In Sonalis Fall korrespondieren die Ziffern nicht mit bestimmten Farben. Stattdessen enthüllten Bildausschnitte, wenn sie diese intensiv betrachte, manchmal Charaktereigenschaften. „Mein Gehirn hat dann richtig viel zu tun.“ Sonali dreht sich zu mir, um zu schauen, ob ich sie verstehe.

Mit Farben zeichnet sie für mich auf, welche Eindrücke die Struktur eines bestimmten Ausschnittes an welcher Stelle bereithält und ich staune. Stundenlang könnte sie sich darüber unterhalten, das ist so aufregend! Mit Klassenkameraden bespricht sie so etwas aber nicht. Schule ist im Augenblick sowieso kein Lieblingsthema. Welche Fächer sie spannend findet, das muss ich ihr aus der Nase ziehen. Nicht interessant. All die neuen Leute. Och, nö! Lieber verbringt sie ihre Zeit mit dem Nachbarsmädchen, das sie schon lange kennt.

Wenn wir zusammen besprechen, in welchem Verhältnis ihre Wahrnehmungen zum realen Leben stehen, ist der Segelsport in jeder Hinsicht recht weit weg. Ich komme aber darauf zurück und frage, was sie daran interessiert. Sonali denkt nach und lächelt zart: „Die Leute sind nett.“ Dann fällt ihr noch etwas ein: „Die Segelwoche war toll.“ Im Sommer verbringen die jungen Leute eine ganze Woche zusammen auf dem Gelände, laut Vorsitzendem Kuperion, das Herzstück des Projektes. Segelwoche, das ist Gemeinschaft, Wasserschlachten, viele Partien Mensch, ärgere dich nicht und Zeit für Gespräche, erfahre ich. Das Leben ist bunt und Sonali sucht, wie wir alle, ihren Platz. Sie betrachtet mein Notizheft. „Auf die nächste Segelwoche freu ich mich schon“, sagt sie.