Das Ich ist ein Gefängnis

Neue Stücke von jungen Frauen bei der Langen Nacht der Autoren am Deutschen Theater Berlin

tdz-09-2012

„Sei nicht Du Selbst“ lautete das Motto der diesjährigen Autorentheatertage am Deutschen Theater. AlleinjurorTobi Müller stellte sich mit seiner Forderung nach Differenz gegen den „Authentizitätsterror“, der in Castingshows und auf diversen anderen medialen Bühnen hohe Einschaltquoten erzielt. Ohne Frage kreiert das Diktat des Privaten und Identischen ein eindimensionales und reaktionäres Weltbild, in dem wenig Platz für gesellschaftliche Fragen oder gar für Visionen ist. Nicht zuletzt plädiert Müller mit seinem Aufruf für die Besinnung auf die Kunstfertigkeit des Theaters. Das impliziert auch die fällige Kritik an jenen performativen Formaten, die auf das angeblich Echte setzen und dabei manchmal die künstlerische Gestaltung vermissen lassen. Mit dem Ruf nach Differenz die Diskussion über Authentizität und Kunst im Theater anzuregen, war also eine gute Entscheidung.

Totberlin von Sarah Tabea Paulus blieb insgesamt und auch im Bezug auf das Motto am undeutlichsten. Die extrovertierte Glas und ihre stille Freundin Chantal besuchen Fox, Glas’ suizidalen Bruder, in der Anstalt. Dort, wo schon an „Reichsausschusskindern“ experimentiert wurde, kommt es zur Annäherung zwischen Fox und Chantal. Dass Orte, die Stadt und der Forst, die Existenz der Figuren definieren, wie die Kapitelüberschriften suggerieren, bleibt Behauptung des Textes. Tobias Wellemeyers liebevolle und mit musikalischen Akzenten angereicherte Werkstattinszenierung adelt den Text, dessen Figuren dauererregt von Gegenwart und Geschichte sprechen. Alexander Khuon, der sympathisch harmlose Fox, trifft mit Franziska Melzer und Melanie Straub auf zwei bemerkenswerte Schauspielerinnen aus dem Potsdamer Ensemble. Zwischen den schnell gesprochenen, mit Sprachschöpfungen gespickten Monologen fragt man sich mit Glas, „wie kann er dann – wieso hat fox – was ist sein problem?“ Ein paar schöne, auch witzige Momente, aber die Richtung fehlt.

Nina Büttner erzählt mit Schafinsel eine überraschende Emanzipationsgeschichte. Das Stück spielt in einem Mietshaus, in dem sich unterschiedliche Milieus begegnen. Der Autorin geht es aber keineswegs um sozialrealistische Schilderung. Die Hure Nori hat es schwer. Immer auf der Straße, den Zuhälter Toni im Nacken. Auf der grünen Insel Wikney will sie leben sobald das Geld reicht. Ihre kranke, alkoholsüchtige Mutter Lisa hilft, Toni loszuwerden und Platz zu schaffen für den Abiturienten und Nachbarsjungen Henning. Denn der ist anders, empfindet Nori und erkennt darin eine Chance für sich selbst: „Wenn du Nori sagst. Klingts nich, als wär das ich.“ Die kraftvolle Sprache der Figuren hat es in sich, wie die Mandarinentorte mit Schuss, mit der Mutter Lisa den Toni zur Strecke bringt. Die Differenz, auch die Poesie liegt bei Büttner in den Möglichkeiten der Figuren, die schillern dürfen zwischen dem, was sie sind und dem, was sie sein wollen oder könnten. Die Fragilität, die in diesem Stück auch zu Hause ist, wurde von Hasko Webers Inszenierung mit Komödie manchmal übertüncht. Die wunderbaren Schauspieler, allen voran Almut Zilcher als Lisa und Olivia Gräser als Nori, holten aber alles heraus, was ging.

Die melancholische Mischung aus schwarzem Humor und Hoffnung und hat Schafinsel gemein mit dem interessantesten Text der langen Nacht: Für Wir schweben wieder hat die mehrfach ausgezeichnete Autorin und Regisseurin Charlotte Roos Monologe von fünf verzweifelten Zeitgenossen ineinander verzahnt. Die präzise beobachteten Innenansichten voller Tragikomik, zusammengeschnitten zu einer Symphonie der Einsamkeit, waren in Cilli Drexels Inszenierung perfekt getimt und von einem hochkarätigen Ensemble getragen. Laura übersetzt eine Rede des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez über die imperialistische Diktatur. Ihr Mann sucht derweil die verlorene Lebenslust bei einer seelenvollen Prostituierten, die ihrerseits nach Höherem strebt. Eine Hübsche joggt und wütet, weil sie zu normal ist, um gesehen zu werden. Diese netten Normalos, die, jeder für sich, unablässig um ihr Selbst kreisen und dabei mit der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit hadern, imaginieren ein Selbstmordfinale am Fluss. Und erst im gemeinsamen Schweben am Seil finden sie heraus aus dem Gefängnis ihres Ich. Zugegeben, eine rabenschwarze Utopie, aber besser als gar keine.