Beitrag für das Dossier zum Thema Plastik – Missy Magazine Heft 3/2026 —
581 geometrische Teile aus rotem, dunkelgrünem, blauem und braunem Plastik rieseln aus vier kleinen Plastikbeuteln auf den Wohnzimmertisch. Vier Erwachsene sitzen um den Schein der Lampe, um eine Plastik-Orchidee im blauen Topf zusammenzubauen.
Die Orchidee aus der „Botanical Collection“ von Lego. Hallo!? Geht es noch überflüssiger und umweltverschmutzender? Einmal zusammengebaut und ab diesem Moment erstarrt. Die beiden Millennials, mit denen ich in den kleinen Teilen grabbele, lassen sich aktuell zu Designer*innen ausbilden. Der Best Buddy meiner Tochter hat den Kasten abgestaubt, beim Praktikum bei einem Berliner Modelabel, das mit der Firma Lego zusammenarbeitet. Mode und Lego? Ich versteh nur Bahnhof. Klar, das sei schon etwas weird, aber doch auch hochspannend. In gefühlt hundert Arbeitsschritten bauen wir den Übertopf und die Plasteblume zusammen. „Schau mal, die niedlichen rosa Frösche, die den Stempel der Blüte repräsentieren! Und toll, diese Farben! Die sieht doch wirklich genauso aus wie eine Orchidee, oder nein, eigentlich noch viel schöner. Irgendwie abstrakt!“ Wie bitte?
Eine echte Blume ist Metapher für die Schönheit des Lebens. Aber wofür steht die Plastikorchidee? Die ist aus meiner Sicht eine tote, komplett seelenlose Simulation, Auswuchs der dekadenten Konsumgesellschaft, Sinnbild obszöner Ressourcenverschwendung. Ich rege mich richtig auf und denke an den komplett mit Plasteschlappen verschmutzten Strand in Dar-Es-Salam, an dessen Rand ich vor Jahren stand. Ich habe nachgeschaut: Circa tausend Jahre brauchen die Legosteine im Meer, bis sie vergangen sind. Die „Botanical Collection“ sei coole Weiterentwicklung der Spießer-Kunstblumen, argumentiert meine Tochter, irgendwie überraschend, kultig sogar. Designer*innen mit exquisitem Geschmack hätten diese Objekte übrigens in ihrer Wohnung stehen. Ich jetzt auch. Auf einem Vorsprung der Dunstabzugshaube. Erster Staub hat sich bereits auf die dunkelgrünen Blätter gelegt.